Wo es funktioniert und wo man anfaengt

Anfänger 8 Min

Alles, worüber wir bisher gesprochen haben — Absorption, Stop-Kaskaden, Aggression und passive Liquidität — funktioniert unter einer Bedingung: Sie sehen reale Transaktionen mit maximaler Detailtiefe, einschließlich Volumen, Preis und Aggressionsrichtung. Wo diese Daten verfügbar sind, funktioniert Orderflow. Wo sie fehlen, sehen Sie erneut nur einen nackten Chart — lediglich in einer teureren Analyseplattform.

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Die Frage „Wo funktioniert das?“ lautet in Wirklichkeit anders: Auf welchen Märkten sind die Transaktionsdaten vollständig und auf welchen nicht? Die Antwort hängt nicht vom Instrument selbst ab, sondern von der Architektur des Marktes, an dem es gehandelt wird.

Markt Datenqualität Orderflow Einschränkungen
CME-Futures (ES, NQ, CL, GC, ZB) Hervorragend: eine Börse, alle Transaktionen sind sichtbar Vollständig Dünnes Orderbuch vor Nachrichten, HFT-Rauschen auf M1
Krypto-Futures (Binance Futures, Bybit) Gut: zentralisierte Börse Ja, mit Einschränkungen Keine klar definierten Sessions, fragmentierte Liquidität zwischen Börsen
Aktien (NYSE, NASDAQ) Mittel: Dark Pools verbergen 30–40 % Teilweise Das Bild ist unvollständig, aber weiterhin informativ
ETFs (SPY, QQQ) Mittel: ähnlich wie bei Aktien Teilweise Arbitrage mit Futures verwischt das Bild
Forex (EUR/USD, GBP/USD) Schlecht: OTC, keine zentrale Börse Nein Tick-„Volumen“ ≠ reale Kontrakte
Binäre Optionen (EUR/USD, GBP/USD) Schlecht: keine zentrale Börse Nein Tick-„Volumen“ ≠ reale Kontrakte
Important

Das Prinzip ist einfach: Je zentralisierter der Markt, desto vollständiger die Daten. CME ist ein einziger Sammelpunkt für alle Transaktionen und bietet vollständige Transparenz. Forex besteht aus zahlreichen Broker-Liquiditätspools, von denen jeder nur seinen eigenen Ausschnitt sieht.

Zwischen diesen beiden Polen liegt alles andere. Sehen wir uns an, warum Märkte so aufgebaut sind und welche Konsequenzen daraus entstehen.

Warum die Börse alles bestimmt

CME ist einfach strukturiert: eine Börse, eine Matching Engine, ein Orderbuch. Jede Transaktion — von zwei Kontrakten eines Scalpers bis zu fünfhundert Kontrakten eines Fonds — läuft durch denselben Punkt und wird für alle Marktteilnehmer gleichzeitig sichtbar. Wenn beim ES das Niveau 4500 ein Volumen von 15.000 Kontrakten zeigt, sind es genau 15.000 Kontrakte. Keine Schätzung, kein Aggregat — eine exakte Zahl. Alle sehen dasselbe Bild.

Forex ist grundsätzlich anders aufgebaut: Es gibt keine zentrale Börse. Das ist wie ein Hotel mit hundert verschlossenen Zimmern, in denen jeweils eine eigene Auktion stattfindet. Ihr Broker zeigt seinen Liquiditätspool, der nächste Broker einen anderen und der Interbankenmarkt einen dritten. Kein Marktteilnehmer sieht das vollständige Gesamtbild.

Zwischen diesen Extremen liegen die übrigen Märkte, jeweils mit einem eigenen Grad an Transparenz. Binance und Bybit sind zentralisierte Börsen mit realen Daten, doch die Krypto-Liquidität verteilt sich auf mehrere Handelsplätze, von denen jeder nur sein eigenes Orderbuch sieht. Bei Aktien an NYSE und NASDAQ ist das Bild ebenfalls unvollständig: Rund ein Drittel des Volumens läuft über Dark Pools und erscheint nicht im öffentlichen Tape. Je vollständiger die Daten, desto zuverlässiger die Analyse.

Forex ohne Beschönigung

Da wir das Thema angesprochen haben, sollten wir es klar einordnen.

Forex ist ein OTC-Markt — over the counter. Es gibt keine zentrale Börse, kein einheitliches Orderbuch und keinen gemeinsamen Transaktionsstrom. Wenn eine Forex-Plattform „Volumen“ anzeigt, handelt es sich daher weder um reale Kontrakte noch um Geldbeträge. Es ist Tick-Volumen: lediglich die Anzahl der Preisänderungen innerhalb eines Zeitraums bei Ihrem konkreten Broker.

Warning

Tick-Volumen im Forex ist kein reales Volumen. Es zeigt die Anzahl der Kursänderungen bei einem einzelnen Broker. Hinter der Zahl „847“ kann eine große Banktransaktion, eine Gruppe kleiner Retail-Orders — oder überhaupt nichts stehen.

Der Unterschied lässt sich mit konkreten Zahlen zeigen. Auf CME: 2.400 Kontrakte wurden auf dem Niveau 4500 per Market-Order gekauft, davon absorbierte ein Limit-Verkäufer 1.800 — Absorption mit präziser Mechanik und exakten Zahlen. Im Forex: „Tick-Volumen 847“. Hinter dieser Zahl kann eine große Banktransaktion, eine Gruppe kleiner Retail-Orders oder überhaupt nichts stehen — möglicherweise hat ein Market Maker lediglich den Kurs angepasst.

Alle „volumenbasierten“ Indikatoren im Forex — RSI auf Tick-Basis, VWAP auf Tick-Basis und Profile auf Tick-Basis — arbeiten mit diesem Ersatzwert. Er korreliert mit realer Aktivität ungefähr so, wie ein Schatten an der Wand mit einer Person korreliert. Die Kontur kann ähnlich aussehen und manchmal lässt sich die Haltung erahnen. Versuchen Sie jedoch, anhand des Schattens den Gesichtsausdruck zu bestimmen.

Tip

Es gibt eine Lösung, allerdings mit Kompromissen. Währungsfutures an der CME — 6E für EUR/USD, 6J für USD/JPY und 6B für GBP/USD — werden an einer Börse mit vollständigem Orderbuch und realen Daten gehandelt. Die Grundidee: Die Analyse erfolgt anhand der Währungsfutures, während die Schlussfolgerungen auf Forex-Paare übertragen werden, deren Preiskorrelation sehr hoch ist.

Krypto gesondert betrachtet

Wenn Ihr Markt Krypto-Futures umfasst — Binance Futures, Bybit oder OKX — können Sie aufatmen. Die Prinzipien funktionieren hier genauso wie an der CME. Absorption bleibt Absorption. Eine Imbalance bleibt eine Imbalance. Das Volume Profile wird nach denselben Regeln aufgebaut. Die Börse ist zentralisiert, das Orderbuch real und die Daten sind verfügbar. Alles, was wir in den folgenden Kapiteln behandeln, lässt sich auf BTC und ETH ebenso anwenden wie auf ES und NQ.

„Genauso“ bedeutet jedoch nicht „identisch“. Die Prinzipien sind dieselben, das Umfeld ist ein anderes. Und dieses Umfeld bestimmt, wie die Daten gelesen werden sollten.

Sessions und Initial Balance. Apple oder Microsoft werden nach einem festen Zeitplan gehandelt: Regular Trading Hours, Initial Balance der ersten Stunde und Overnight-Session. Dadurch entsteht Struktur — es gibt einen „Tagesbeginn“, einen „Vortagesschluss“ und eine „Overnight-Range“. BTC wird rund um die Uhr gehandelt. Eine Initial Balance im klassischen Sinn existiert nicht. Dennoch gibt es einen Rhythmus: Die US-Eröffnung um 9:30 ET bringt amerikanische Liquidität und gibt häufig die Richtung vor. Funding-Zeitpunkte alle 8 Stunden — auf den meisten Börsen um 00:00, 08:00 und 16:00 UTC — schaffen Referenzpunkte, um die sich Aktivität gruppiert. Das ersetzt nicht die Session-Struktur von NYSE oder NASDAQ, bietet aber eine funktionierende Orientierung.

Fragmentierung der Liquidität. An der CME gibt es ein Orderbuch, und alle sehen dasselbe Bild. Im Krypto-Markt ist die Liquidität auf mehrere Börsen verteilt. Eine große Limit-Order auf Binance muss auf Bybit nicht existieren. Absorption auf einer Börse bedeutet nicht automatisch Absorption im gesamten Markt. Das macht Orderflow nicht nutzlos, erfordert jedoch das Verständnis, dass Sie einen Ausschnitt und nicht das vollständige Bild sehen.

Aktien und ETFs: Der sichtbare Teil des Eisbergs

Aktien an NYSE und NASDAQ wirken auf den ersten Blick ähnlich wie Futures: ein zentrales Orderbuch, ein Transaktions-Tape und eine Matching Engine, die jede Transaktion erfasst. Bei genauerer Betrachtung ist das Bild jedoch komplexer.

Dark Pools sind geschlossene Handelsplätze, auf denen große Marktteilnehmer untereinander Transaktionen ausführen, ohne ihre Orders im öffentlichen Orderbuch anzuzeigen. Im US-Aktienmarkt laufen 30–40 % des gesamten Volumens über Dark Pools. Sie erstellen einen Footprint, berechnen Delta und zeichnen ein Profil — und all das basiert lediglich auf 60–70 % der Transaktionen. Ein Drittel des Marktes bleibt unsichtbar. Ein Niveau, das wie eine Zone mit geringem Volumen aussieht, kann tatsächlich eine Zone intensiver Aktivität sein, die lediglich nicht sichtbar ist.

Important

ES eignet sich besser als SPY für die Orderflow-Analyse, obwohl beide den S&P 500 abbilden. ES ist ein CME-Future: eine Börse und 100 % der Daten. SPY ist ein ETF mit Dark-Pool-Aktivität, sodass Sie nur 60–70 % des Gesamtbildes sehen.

Bei einzelnen Aktien ist die Situation noch komplexer. Market Maker arbeiten gleichzeitig auf mehreren Handelsplätzen, Orders werden über unterschiedliche Börsen weitergeleitet — NYSE, NASDAQ, BATS, IEX — und große Blöcke laufen über Dark Pools. Orderflow lässt sich dennoch lesen: Große Transaktionen erscheinen im Tape, Imbalances an wichtigen Niveaus sind sichtbar und Absorption kann erkannt werden. Ein Teil des Bildes bleibt jedoch immer verborgen. Behalten Sie das bei der Interpretation der Daten im Hinterkopf.

Key takeaway
  • Zentralisierte Börse + echtes Orderbuch = Orderflow funktioniert
  • CME-Futures sind der Goldstandard mit 100 % der Daten
  • Krypto-Futures sind eine praktikable Option unter Berücksichtigung der Fragmentierung
  • Aktien erfordern die Berücksichtigung von 30–40 % unsichtbarem Dark-Pool-Volumen
  • Forex liefert kein reales Transaktionsvolumen: Tick-Volumen ≠ reale Transaktionen
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Quiz

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1

Warum ist Tick-Volumen im Forex fuer Order-Flow-Analyse ungeeignet?

2

Auf welchen Maerkten funktioniert Order Flow am besten und warum?

3

Warum ist ES fuer Order Flow besser als SPY, obwohl beide den S&P 500 abbilden?