
Hier ist ein ES-Chart. Eine rote Kerze. Was ist passiert?
"Die Verkaeufer haben gewonnen", wuerde ein Lehrbuch der technischen Analyse sagen. Klingt logisch. Und ist voellig nutzlos. Tatsaechlich hat jemand mit einer Market Order in die Bids geschlagen. Jemand hat Liquiditaet verbraucht. "Die Verkaeufer haben gewonnen" ist wie "das Auto ist angekommen, weil es gefahren ist". Technisch richtig, erklaert aber nichts.
Ohne die Mechanik, die wir gleich behandeln, sind Footprint, Delta und Profile nur bunte Quadrate. Mit ihr siehst du, was im Kerzenchart unsichtbar bleibt: wer den Preis wirklich bewegt und warum.
Der Obstmarkt
Stell dir einen normalen Markt vor. Keinen Finanzmarkt, sondern einen Obstmarkt. Staende, Verkaeufer, Kaeufer.
Drei Apfelverkaeufer stehen hinter ihren Staenden. Der erste hat ein Preisschild von 100 pro Kilo und 5 kg ausliegen. Der zweite 101 und 7 kg. Der dritte 102 und 10 kg. Sie haben keine Eile. Sie setzen ihre Preise und warten. Das sind passive Teilnehmer: an der Boerse Limit Orders im Orderbuch.
Ein Kaeufer kommt herein. Er braucht 15 kg, und zwar sofort. Kein Feilschen. Er geht zum ersten Verkaeufer und nimmt alle 5 kg zu 100. Der Stand ist leer. Er geht zum zweiten und nimmt 7 kg zu 101. Leer. Dann zum dritten und nimmt die restlichen 3 kg zu 102. Das ist ein aggressiver Teilnehmer: eine Market Order.
Was ist mit dem "Apfelpreis" passiert? Er stieg von 100 auf 102. Der Kaeufer war allein, es gab aber drei Verkaeufer. Trotzdem stieg der Preis. Wie?
Der Preis wird nicht von "Kaeufern" oder "Verkaeufern" bewegt. Er wird vom Aggressor bewegt: von dem, der zur Gegenseite geht. Der Kaeufer ging zu den Verkaeufern und nahm ihre Ware. Er akzeptierte ihre Preise. Er drueckte den Preis nach oben.
Jetzt drehen wir die Situation um. Drei Kaeufer stehen bereit. Einer kauft zu 100 (5 kg), der zweite zu 99 (7 kg), der dritte zu 98 (10 kg). Ein Verkaeufer kommt mit 15 kg Aepfeln und muss sofort verkaufen. Er gibt 5 kg an den ersten zu 100, 7 kg an den zweiten zu 99 und 3 kg an den dritten zu 98. Der Preis faellt von 100 auf 98. Ein Verkaeufer, drei Kaeufer. Und der Preis faellt.
Der Aggressor war der Verkaeufer. Er ging zu den Kaeufern und verkaufte zu ihren Preisen. Er drueckte den Preis nach unten.
Dieses Bild, der Aggressor geht zum passiven Teilnehmer und nimmt dessen Liquiditaet, kehrt in jeder Lektion wieder. Footprint, Delta und Orderbuch sind verschiedene Wege, dasselbe zu sehen: wer zu wem gegangen ist.
Das Orderbuch: derselbe Markt, nur in Zahlen
An der Boerse heisst der "Obstmarkt" Orderbuch (DOM, Depth of Market). Statt Verkaeufern mit Aepfeln gibt es Limit Orders auf jedem Preisniveau.
So sieht es beim ES-Future (E-mini S&P 500) aus:
Ask (Verkaeufer)
5525.50 | 120 Kontrakte
5525.25 | 85 Kontrakte
5525.00 | 45 Kontrakte <- best ask (naechster Verkaeufer)
---------+-------------------
5524.75 | 60 Kontrakte <- best bid (naechster Kaeufer)
5524.50 | 95 Kontrakte
5524.25 | 140 Kontrakte
Bid (Kaeufer)
Die Differenz zwischen best ask und best bid ist der Spread. Im ES betraegt er fast immer 1 Tick (0,25 Punkte = 12,50 $). In Nachtsessions oder duennen Maerkten kann er auf 2-3 Ticks steigen.
Der Spread ist der Preis der Sofortigkeit. Eine Market Order zahlt den Spread fuer sichere Ausfuehrung. Eine Limit Order zahlt den Spread nicht, riskiert aber, nie ausgefuehrt zu werden.
- Der Preis wird vom Aggressor bewegt: von dem, der zur Gegenseite geht (Market Order)
- Passive Teilnehmer (Limit Orders) schaffen Liquiditaet, bewegen den Preis aber nicht selbst
- In jedem Trade gibt es gleich viele Kaeufer und Verkaeufer; entscheidend ist, wer ihn initiiert hat
- Das Orderbuch ist das Boersenpendant zum Obstmarkt mit Preisschildern